Nachtgedanken

Ich sitze gerade auf einem von den blauen Kirchenstühlen in der Kirche. Neben vielen Stühlen, stehen hier auch noch Tische mit Computern und Fernsehern rum. Aus allen Ecken kommen hundert verschiedene Arten "Bums-Musik" und der Geräuschpegel bei 25 bis 30 Jugendlichen ist alles andere als niedrig. Außerdem ist es 01:39 Uhr und ich bin tierisch müde.
2013-03-23_Voluntariat Melina 01
2013-03-23_Voluntariat Melina 01
Datum:
23. März 2013
Von:
Melina Berka

Der Jugendclub feiert eine LAN-Party.

Und um nicht aus dem allgemeinen Bild rauszufallen, hab ich mir mal meinen Laptop geschnappt und Zeit gefunden für einen neuen Bericht, der auch langsam dringend fällig ist.

In den letzten 2 Monaten ist wieder viel passiert, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.Ich fang einfach mal mit dem Besten an: dem Februar.

Vom 13. bis 16.02. war ich in Oslo auf dem Mid-term training. An dem Wochenende vorher war die Vera ganz spontan zu Besuch bekommen. Dieses Wochenende werde ich nie vergessen, denn wir hatten, trotz, oder vielleicht gerade wegen der Etterskoletid Übernachtung in der Kirche, mega viel Spaß.

2013-03-23_Voluntariat Melina 02
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So, zurück zum Seminar... Da hab ich alle vom Ankunftsseminar aus Bergen wiedergesehen und etwa 30 weitere Freiwillige. Das Seminar war richtig gut! Wir hatten 3 tolle Tage, haben neben einem Tag Reflektieren und Lernen auch noch das Rathaus und das Parlament, sowie ein Freilichtmuseum bei gefühlten -20° C besichtigt. Das war echt 'ne tolle Zeit und hat super viel Spaß gemacht! Und gleichzeitig war es irgendwie auch ein bisschen traurig. Halbzeit und wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich die meisten der Freiwilligen gesehen habe. Am Samstag den 16.02. hatten wir kein Programm mehr und ich hab mich nach dem Frühstück mit Janina und Isabella aus Deutschland und Sonja aus der Schweiz zum Bahnhof aufgemacht, um meine allerbeste Carina abzuholen. Die war nämlich in aller Herrgottsfrühe in den Flieger nach Norwegen gestiegen. Lustigerweise war die Vera auch noch in Oslo, das heißt es gab ein großes Wiedersehen am Osloer Bahnhof vorm Burger King. Unser kleiner, deutschsprachiger Reisetrupp hat dann den Tag noch in der Stadt verbracht. Es war leider so neblig, dass wir das Schloss von 20 m Entfernung kaum erkennen konnten, und auch vom Dach der Oper war der Ausblick eher bescheiden. Im Laufe des Nachmittags haben wir uns dann alle voneinander getrennt.

Ina und ich sind dann nach 3 Stunden im Zug wohlbehalten in Porsgrunn angekommen und die beiden darauffolgenden Tage habe ich genutzt, um ihr die Gegend zu zeigen. Sonntags waren wir in der Porsgrunn Misjonskirke und haben beide einen kleinen "Kultur"schock erlitten. Ich bin ja mittlerweile an die seltsamen Gewohnheiten in den Misjonskirchen gewöhnt, aber dass man die Kollekte auch mit der Visa-Karte abwickeln kann, hab ich auch noch nicht erlebt.

2013-03-23_Voluntariat Melina 03
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Am Dienstag packte uns dann wieder das Reisefieber, es ging mit dem Zug nach Trondheim. Rekordverdächtige 10 Stunden ließen wir uns durch Norwegens Winterwunderland kutschieren, unter strahlend blauem Himmel. Da ist es schwierig, den Fotoapparat wegzulegen. Um 18 Uhr fuhr der Zug dann in Trondheim ein. Mit Sack und Pack machten wir uns auf in unsere Pension und mussten schon auf diesem 15 minütigen Spaziergang feststellen, dass das Eis auf dem Bürgersteig richtig fies sein kann.

Angekommen in der Pension, zweifelte ich erstmals an meinen Norwegischkenntnissen. Der trondheimsche Dialekt hört sich leider alles andere als Norwegisch an! Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten, machten wir zuerst ein gutes Abendessen.

Aber wir waren ja nicht ohne Auftrag nach Trondheim gekommen. Trondheim liegt ja, wenn man mal das Ausmaß des ganzen Landes betrachtet, gerade in der Mitte. Nicht ganz so wahrscheinlich für Nordlichter. Aber trotzdem gaben wir nicht die Hoffnung auf! Dick eingepackt, mit der Kamera im Gepäck, machten wir uns nach dem Essen auf, um Nordlichter zu jagen. Die Vorhersage versprach leider nicht allzu viel... Da wir ja gar keine Orientierung hatten, dachten wir uns: Erstmal zum Wasser. Also gingen wir Richtung Hafen. Der Blick gen Himmel machte uns Hoffnung: Das Wetter stimmte schon mal. Keine einzige Wolke in Sicht, nur der helle Mond und viele Sterne. Am Hafen schweifte unser Blick dann über das stockdunkle Wasser. In der Ferne konnte man die weißen Spitzen der Berge erkennen, und irgendwie lag so ein Dunst über dem Meer. Aber plötzlich war da etwas Grünes. "Ina, Ina, Ina! Ich glaube.... Siehst du das auch???!!!" Und tatsächlich! Nordlichter über Trondheim! Es ging so etwa 8 Minuten, dann wurde der grüne Schweif immer weniger und verschwand vollends. Es war kein sehr großes Spektakel, aber trotzdem ein unglaublich schönes Erlebnis.

2013-03-23_Voluntariat Melina 05
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Mittlerweile waren wir schon ziemlich lange unterwegs gewesen, sodass wir uns auf den Weg nach Hause machten. Wir kehrten noch kurz in einen Mini-Supermarkt ein, und gingen dann zurück in die Pension. Alles in allem waren wir ca. zwei Stunden draußen gewesen. Leider wissen wir nicht, wie niedrig die Temperatur wirklich war, aber als wir wieder im Warmen waren, fingen unsere Beine plötzlich an, ganz fies zu jucken und wir hatten Schwielen überall und die brannten ganz fürchterlich. Frostbeulen quasi.

Den nächsten Tag verbrachten wir in der Stadt. Unser Schlafplatz lag sehr zentral, sodass wir alles zu Fuß erreichen konnten. Trondheim ist wirklich eine schöne Stadt! Abend war es leider bewölkt, sodass wir mit den Nordlichtern kein Glück hatten.

Am Donnerstag checkten wir um 12 Uhr aus, durften aber unser Gepäck in der Pension lassen, da unser Zug Richtung Süden erst um 23:15 Uhr fuhr. Aber irgendwie mussten wir den Tag ja noch rumkriegen. Also gingen wir zur königlichen Residenz. Während mich dort ein fremder Mann in ein Gespräch verwickelte, weil er sah, dass wir nichts wissend vor einer Statue im Park standen, sah Carina eine blonde, hübsche Frau mit zwei kleinen Kindern im Residenzgarten rumlaufen, wie sie mir später erzählte. Nach Recherchen im Internet könnte es Mette-Marit gewesen sein, obwohl ihr Schwiegervater an dem Tag seinen 76. Geburtstag in Oslo feierte...

Trondheim ist leider nicht so riesig, dass man damit noch einen ganzen Tag füllen könnte, also suchten wir uns eine freie Bank im Einkaufszentrum und beobachteten Leuten. Dustin und Justin, Hanni und Nanni... Und irgendwann suchten wir uns ein neues Revier. In dem hinteren Teil des Einkaufszentrums war nur leider nicht so viel los, dass wir bald anfingen, uns zu langweilen. Doch: Carina besitzt ein Handy mit Spielen und ich kann häkeln. Und zufälligerweise saßen wir vor einem Wollladen. Also kauften wir Wolle und Häkelnadel und jetzt besitzt die Carina ein personalisiertes Stirnband.

Nachdem wir die Zeit totgeschlagen hatten, Pizza gegessen, unser Gepäck abgeholt und noch eine Stunde im überfüllten Bahnhof gewartet hatten, kam dann endlich der Nachtzug nach Oslo. Die Tüten mit Decke, Schlafmaske, aufblasbarem Kissen und Ohrstöpseln kamen uns sehr zugute, aber sehr erholsam ist ein aufrechter Schlaf im Zug natürlich nicht. Zwei Mal mussten wir umsteigen, die letzten drei Stationen fuhren wir in einem "Zug", der nur aus einem Waggon bestand und mich schwer an die Zahnradbahn am Drachenfels erinnert hat. Den Rest des Tages haben wir dann verdient verschlafen und mit Mario Kart verbracht. Und die Tage bis zu Inas Heimreise waren wir dann noch in Porsgrunn, haben eine Wanderung unternommen und Mario Kart gespielt. Also Mario Kart haben wir eigentlich immer gespielt, wenn wir gerade nicht zu tun hatten. Jetzt schlägt uns keiner mehr!

Nach zehn Tagen musste Carina dann wieder zurück. Der Abschied um 5 Uhr morgens am Bahnhof fiel uns natürlich nicht leicht.

Und dann kam der März. Und der war teilweise eher nicht so schön.

Jetzt sind Osterferien und die haben mir die letzten Wochen Sorgen gemacht. Im Momenst ist es nämlich so, dass ich mich an den Wochenenden so langweile. Ich vermisse Tamar und meine Mitbewohnerin geht mir ein bisschen auf den Keks. Und an den Wochenenden ist hier tote Hose. Da wünsche ich mich ab und zu nach Deutschland zurück, zu meinen Freunden und meiner Familie. Und wenn man sich schon an zwei Tagen langweilt, sind eine Woche Osterferien eher nicht so erfreulich. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, nach Hause zu fliegen für eine Woche, aber eigentlich sehe ich es nicht ein, denn ich bin ja hier, um hier zu sein und das Land zu erleben etc.

Kurz und gut: Diese Sorgen hätte ich mir im Nachhinein nicht machen müssen. Ich habe jetzt Pläne! Am Montag geht's nach Oslo. Da treffe ich Isabella und eine Freundin von ihr. Wir werden in demselben Hostel wohnen, in dem auch unser Seminar war und ich würde gerne die große Skisprungschanze Holmenkollen und den Vigelandspark besichtigen. Die drei Tage werden bestimmt cool!

Donnerstag und Freitag bin ich dann zuhause und am Samstag geht es dann in den Süden, nach Kristiansand. Da werde ich das erste Mal Couchsurfen und ich freue mich schon riesig! Die Osternacht werde ich dann nämlich in der katholischen Gemeinde feiern.

Sonntag fahre ich dann wieder zurück, Ostermontag haben wir Quintettprobe und dann sind die Ferien schon wieder vorbei. Im Moment werde ich auch ein bisschen wehmütig. Die Zeit ist wirklich wie im Fluge vergangen, es sind nur noch 14 Wochen bis ich wiederkomme. In diesen 14 Woche muss die Temperatur noch um 30° C steigen, ich werde 6 Tage in London verbringen, noch mehr Norwegisch lernen, den Nationalfeiertag erleben, ein paar Tage über Pfingsten verreisen und, und, und. Und dann ist es schon vorbei. Dann bin ich wieder da, wo ich vor etwa einem Jahr gestartet bin. Um viele Erfahrungen reicher und mit einem anderen Blickwinkel auf viele Dinge.

So, jetzt ist es 02:55 Uhr. Ich suche jetzt noch ein paar schöne Bilder zum Anfügen raus und werde dann mal gucken, wie ich die nächsten 6 Stunden bis zum Frühstück rumkriegen soll. Das Schreiben war auf jeden Fall ein guter Zeitvertreib.