Hochwasser in Polen (Oktober 1997)

Hilfe für Neiße
Wie bereits berichtet, waren auch in diesem Jahr viele der von uns betreuten Familien in Neiße (Niederschlesien) vom Hochwasser betroffen. Für die Menschen verschärfte sich die Situation zusätzlich durch den einbrechenden Winter. Von der großen Anfangshilfe, die von vielen Organisationen und Einzelpersonen kam, ist kaum noch etwas übrig geblieben.

Die Familien sind nun auf sich gestellt. Sie haben Angst vor dem Winter, der in Polen deutlich härter ausfällt als in Deutschland. In den Hochwassergebieten ist die Selbstmordrate sprunghaft angestiegen. Viele haben gehofft – vielleicht auf ein Wunder – und sitzen jetzt in ihren durch Feuchtigkeit, Gestank und Schimmelpilz völlig unbewohnbaren Häusern. Doch wohin sollen sie gehen? In vielen Fällen existieren die vom Staat versprochenen Ersatzhäuser nur auf dem Papier.
Die Häuser, die gebaut wurden, sind in erbärmlichem Zustand und kaum isoliert. Die Familien sind nicht in der Lage, die nötigen Heizkosten aufzubringen. Der Staat bot den Hochwasseropfern für polnische Verhältnisse günstige Kredite an. Doch wer kann bei geringem oder gar keinem Einkommen 20 % Zinsen zahlen?
Um auch längerfristig Solidarität zu zeigen, haben wir uns im Sommer kurzfristig entschlossen, Anfang Oktober einen Hilfstransport durchzuführen, der ursprünglich nicht geplant war. Über diese Reise berichten wir im Folgenden. Der LKW wurde bereits am 29. September mit 4 Tonnen Kleidung, Gardinen, Bettwäsche, Spielzeug sowie Stühlen für eine Sonderschule auf die Reise geschickt und erreichte nach zwei Tagen ohne nennenswerte Probleme Neiße.
Wir begleiteten den LKW mit zwei privaten VW-Bussen und einem Kombi, um die Verteilung der Sachen selbst vorzunehmen. In unseren Fahrzeugen transportierten wir noch viele Spenden, die beim offiziellen Transport nicht mitgeführt werden durften, z. B. Schuhe, zehn Bananenkartons voller Süßigkeiten, einen Kopierer für die Sonderschule und kleine Haushaltsgeräte.
Da wir inzwischen alle Formalitäten an Grenze, Zoll und Finanzamt kannten, konnte unser Transport bereits am Donnerstag, 2. Oktober, in der Sonderschule für behinderte Kinder ausgeladen werden.

Für die Ausladung stand uns ein Gymnastikraum zur Verfügung. Die Schulleitung lud uns zu einem offiziellen Besuch ein und bewirtete uns mit Bigos (einer polnischen Spezialität), Kaffee und Kuchen. Nach dem Essen besichtigten wir die Schule.
Es handelt sich um eine Sonderschule für Kinder aus der Umgebung von Neiße. Da die finanziellen Mittel in Polen sehr knapp sind, fehlt es an vielen Schulen an Geldern für das Nötigste. Glücklicherweise arbeitet in Neiße ein Team besonders engagierter Lehrer. Vor einigen Jahren bauten sie in ihrer Freizeit und ohne offizielle Genehmigung zusätzliche Räumlichkeiten für gehbehinderte Kinder und Rollstuhlfahrer – erst dadurch wurde diesen Kindern der Zugang zur Schule ermöglicht.
An die Schule ist ein Internat angeschlossen, in dem Kinder wohnen, die von weit herkommen, aus schwierigen Familienverhältnissen stammen oder keine Eltern mehr haben. Die Ausstattung ist sehr ärmlich. Es fehlt an Mobiliar, Decken und Plumeaus. Statt eines längst überfälligen Anstrichs hängen bunte Kinderbilder an den Wänden. In den Klassenzimmern fehlen geeignete Tische und Stühle.

Was jedoch sofort auffällt, ist die große Herzlichkeit, mit der Lehrer und Kinder miteinander umgehen. Als wir zum Kaffee eingeladen wurden, klopften die Kinder immer wieder, um die Lehrer nach belanglosen Dingen zu fragen. Schließlich meinte der Direktor: „Kommt doch rein und holt euch ein Stück Kuchen – auch für die, die noch hinter der Tür stehen. Darum geht es euch doch, oder?“ Wir mussten alle lachen.
Das gesamte Spielzeug und die Süßigkeiten ließen wir in der Schule. Wir durften die Freude und das Staunen über die unerwarteten Gaben hautnah miterleben.
Die Kleidung wurde an die Familien der Kinder und an andere vom Hochwasser besonders betroffene Familien verteilt. Obwohl wir dachten, mit den 4 Tonnen Kleidung eine große Menge mitgebracht zu haben, war alles im Handumdrehen verteilt. Es gab viele lachende Gesichter und dankbare Worte.
Für AK Polenhilfe - Leszek