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Predigt in der Osternacht 2023

Datum:
8. Apr. 2023
Von:
cj

Liebe Christen,

das haben die meisten von Ihnen sicher schon einmal erlebt. Das Notebook, das Smartphone, der PC, eines dieser Geräte stellt über den Bildschirm die Frage:  „Soll das Gerät auf Systemeinstellungen zurückgefahren werden“? 

Dann bloß nicht OK drücken. Dann ist vieles verloren, was die Arbeit an diesem Gerät jahrelang vereinfacht hat. 

Wie wär’s, wenn wir die Frage: „Alles auf Anfang?“ wenigstens einmal im Jahr mit OK beantworten würden?

Es wäre vielleicht etwas mehr Arbeit in der nächsten Zeit, aber mit den Dingen, denen wir nachtrauern, würden wir gleichzeitig von ganz viel Ballast befreit. 

Die Gruppe Silbermond hat vor acht Jahren ein Lied veröffentlicht, das sehr erfolgreich war. 

Im Refrain heißt es da:

Eines Tages fällt dir auf,

dass du 99 % nicht brauchst.

Du nimmst allen Ballast und schmeißt ihn weg

Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck. 

 

Passt zum Frühjahrsputz oder zum Aufräumen, aber eben auch zu Ostern. 

Alles auf Anfang, alles neu, alles Alte weg.

Die alte Osterkerze – weg.

Die Weihwasserschalen – leer.

Der Tabernakel – leer.

Nach der Osternacht:
Ein neues Licht, neues Weihwasser, neue heilige Öle, der Tabernakel, aber auch wir gefüllt mit der Gegenwart Christi. 

Und draußen:

Der Winter – vorbei.

Die Dunkelheit auch. Weil Ostern immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühjahrsvollmond fällt, sind nicht nur die Tage wieder länger als die Nächte, sondern auch die Nächte heller als sonst.

Licht und Wärme statt Dunkelheit und Kälte. Ende der Coronaschutzverordnung.

Zeit, Aufzubrechen wie damals das Volk Israel in Ägypten. 

Es ist tatsächlich diese Zeit, der Frühling, in dem wir aufbrechen, wegschmeißen, Platz schaffen für Neues. Manche machen diese Idee zum Lebensprinzip. Tiny Houses, Minihäuser waren noch nie so populär wie heute. Und auch Wohnmobile, Tiny Houses auf Rädern, erfreuen sich im Moment großer Beliebtheit.

Für uns als Christen ist das leere Grab Zeichen für den Aufbruch. Am leeren Grab hören die Frauen die Botschaft:

Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.

Die Frauen werden aufgefordert, nicht am Grab zu verharren, sondern aufzubrechen. 160 Kilometer nach Norden. Erst mal. Und dann immer weiter. 

Auch die Emmausjünger brechen auf. Erst von Jerusalem weg, dann wieder zurück, als sie ihn erkannt haben. Der Auferstandene hält uns in Bewegung.  Aber bevor wir aufbrechen, müssen wir uns entscheiden. Was brauche ich auf dem Weg? Und was nicht? 

Wir können nicht alles, was uns umgibt, in unseren Koffer packen, dafür ist er viel zu klein. 

Du nimmst allen Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.

Was ist eigentlich mit Ballast gemeint? Wenn es nur alte Möbel und unausgepackte Umzugskartons sind, die im Keller oder auf dem Speicher langsam verstauben, ist mir das für Ostergedanken zu kurz gegriffen.

Ich möchte gern den Ballast des Ärgers wegschmeißen. Wie oft ärgern wir uns über andere Menschen, mit denen wir uns gestritten haben, und der Grund für den Streit war eine winzige Kleinigkeit.

Ich ärgere mich über meine Kirche, die es nicht schafft, den Ballast längst vergangener Zeiten abzuwerfen, um in die Gegenwart und Zukunft aufzubrechen.

Ich ärgere mich über Wladimir Putin, den Kriegstreiber, der vor über einem Jahr einen Angriffskrieg auf die Ukraine vom Zaun gebrochen hat, der unendlich viel Leid, Tod und Zerstörung bringt auf beiden Seiten, und ein Ende des Krieges ist noch immer nicht in Sicht.

Da gibt es noch viel mehr Sachen, über die ich mich ärgere. Über die will ich aber jetzt nicht reden.

All diesen Ärger würde ich gerne zurücklassen, wegschütten wie das alte Weihwasser, verbrennen wie den alten Palm, damit der Ärger weicht und sich in Osterfreude verwandelt.

Ich würde auch gern den Ballast der Angst wegschmeißen. 

Angst vor Veränderung und neuen Wegen.

Angst vor Krankheit und Not.

Angst vor der Inflation, vor Verarmung. 

Angst vor dem Krieg.

Angst vor einer neuen Pandemie. 

Angst, selber etwas falsch zu machen.

Angst vor einer ungewissen Zukunft.

Denn Angst lähmt, bedrückt, macht traurig.

 

Trauer ist auch so ein Ballast. Zuerst ganz wichtig, wenn der Grund zur Trauer noch frisch ist, aber irgendwann tatsächlich Ballast.  Am leeren Grab Jesu verwandelte sich Trauer in Freude. Trauer ist also etwas, was wir besser nicht entsorgen, sondern verwandeln. Das leere Grab hat vermutlich das Leben der Freunde Jesu noch viel mehr verändert, als es ein volles Grab getan hätte.

Wenn wir heute trauern, heute Gräber besuchen, sollten wir immer daran denken, dass das leere Grab Jesu dem Tod seinen Schrecken genommen hat und den Schrecken in Hoffnung und Freude verwandeln konnte.

Ostern fordert uns dazu auf, Ballast abzuwerfen. Nicht den vom Speicher oder aus dem Keller, sondern vor allem den, der auf den ersten Blick unsichtbar ist. 

Versuchen wir, den Ballast in uns, den Ärger, die Angst, Trauer und Sorgen aus unseren inneren Schränken und Regalen auszuräumen. Es reist sich besser mit leichtem Gepäck. Leichtes Gepäck, das ist Versöhnung, Mut, Freude und Zuversicht. Mit diesem Gepäck, das nicht niederdrückt, sondern federleicht ist, gehe ich gerne auf die Reise durch die Zeit, die vor mir liegt. Das ist wahre Osterfreude.

Und die wünsche ich mir. Und euch. Und Ihnen – zu Ostern.

Amen.